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Die Umweltbücher des Jahres 2014

Lothar Frenz beginnt sein Buch mit einem Zitat des ‚Vaters der Biodiversität‘, Edward O. Wilson: „Jede Art lebt – und stirbt – auf ihre ureigene, einmalige Weise“. Darum geht es ihm: Leben und Tod von Arten vorzustellen, die wir verloren, eben erst verpasst haben, die erst seit ‚gestern‘ – in den fünfhundert Jahren seit Christopher Kolumbus – nicht mehr auf der Erde sind. Wie haben sie gelebt, warum sind sie nicht mehr da? Wieso sind sie erst in jüngster Zeit und nicht schon früher verschwunden? Und was geschah, nachdem sie verschwunden waren? Es geht ihm dabei um große und kleine Tiere, um ökologisch signifikante Tiere und solche, deren Verschwinden ohne große Auswirkungen blieb, um vermeintlich nützliche und weniger nützliche Tiere. Dazu steigt der Autor tief ein in die Erdgeschichte, die Lebensgeschichte vieler Tierarten, von Landschaften, Regionen und Kontinenten. Er trifft dabei auf Einzel- wie auf Inselschicksale, aber auch auf komplexe und globale Phänomene. Und staunt am Ende selbst, wie viel wir über das Verschwinden von Arten schon wissen – und wie viel wiederum nicht.
Der Prolog beginnt mit dem Beispiel der Takahe, dem Popstar der Vogelwelt Neuseelands, dessen Zahmheit ihm beinahe den Artentod bescherte, bis ihn Naturschützer auf die Insel Kapiti brachten, wo keine Raubfeinde lauerten. Ein großer Teil des Buches ist der Wandertaube Nordamerikas gewidmet, der letzten des seinerzeit häufigsten Vogels der Erde, die – exakt dokumentiert – am 1. September 1914 im Alter von 29 Jahren verschied. Wenn ihre Schwärme die Sonne verdunkelten, begann das große Schießen der Taubenjäger. Die letzte ihrer Art nannte man liebevoll „Martha“ – nach Martha Washington, der ersten First Lady der USA.
Nicht alle folgenden Kapitel sind ähnlich spektakulär, doch sie sind alle spannend erzählt: die Geschichte des kalifornischen Kondors, des Elfenbeinspechts oder des Pyrenäen-Steinbocks, der verschwand, weil die Regierung zu spät handelte, zu dem nun aber Klonversuche laufen. Spannend auch die Geschichte des Auerochsen, der nach der letzten Eiszeit in Europa heimisch war. Er war wie für Helden geschaffen: Siegfried erschlug in der Nibelungensage nicht nur den Drachen, sondern „der Ure vier“. Doch seine Stärke nutzte dem Wildrind nichts: Im 5. Jahrhundert verschwand es aus Spanien, im 12. Jahrhundert aus England und Norddeutschland. Dieser Rückzug war nicht nur eine Folge der Jagd, sondern auch der einsetzenden Waldrodung, die sein Rückzugsgebiet zerstörte.
Auf Funk Island im Nordatlantik liegt der Friedhof einer ganzen Spezies, des ‚Geirfugl‘, der Riesenalke. Hier spielt ein Teil der Geschichte, die es vermag, „Tränen des Mitleids selbst aus einem steinernen Herzen zu wringen“ (S. Grieve): In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann die gewerbliche Nutzung der Alke, die zu ihrer vollständigen Ausrottung führte.
Frenz führt uns auch durch Asien, Afrika, Südamerika und Australien, beschreibt das Verschwinden der Riesenseekuh, der chinesischen Flussdelfine, der vietnamesischen Java-Nashörner, des südafrikanischen Blaubocks, des Nördlichen Breitmaulnashorns – und das Rätsel der Quaggas. Chroniken des angekündigten Aussterbens (des Todes) nennt er das Kapitel über Südamerika. Er begibt sich auf Entdeckungsreise mit Charles Darwin (nach Galapagos), der den Glauben an die biblische Schöpfungsgeschichte ins Wanken brachte – damit aber auch das Aussterben von Spezies zum denkbaren Konzept machte. Dieses Kapitel voller interessanter Details endet beim Thema ‚Zweihundert Jahre Einsamkeit‘, der menschelnden Story um „Lonesome George“ – der Riesenschildkröte, die zur Naturschutz-Ikone wurde. Auf der Reise durch Australien und Neuseeland begegnen uns die Osterbilbys, der Tasmanische Tiger und die Moas, auf der Insel Mauritius der flugunfähige Dodo, den die holländischen Seefahrer genüsslich verzehrten, der aber erst durch Lewis Carrolls Novelle Alice im Wunderland weltbekannt wurde, als er schon längst ausgestorben war.
Lothar Frenz beendet sein Buch mit einem Blick auf die Szenarien des Weltklimarates. Wenn das Klima sich wie erwartet ändert, könnten bis 2050 eine Million landlebender Tiere und Pflanzen mehr vom Aussterben bedroht sein als heute – je nach Grad der Erwärmung zwischen 15 und 37 % aller Spezies. Frenz entwickelt daraus kein politisches Plädoyer. Er glaubt vielmehr an die Kraft seiner Argumente und an seine wunderbaren Geschichten über die Welt, wie sie einmal war.

Lothar Frenz
Lonesome George oder Das Verschwinden der Arten

Berlin: Rowohlt Verlag 2012, 350 Seiten.
ISBN: 978-3-87134-738-2

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Gelegentlich ist es anregend, das Lesen mit der letzten Seite zu beginnen. So findet man in diesem Buch den Satz: „Lassen wir die Natur unverändert, können wir nicht existieren; zerstören wir sie, gehen wir zugrunde. Der schmale, sich verengende Gratweg zwischen Verändern und Zerstören kann nur einer Gesellschaft gelingen, die sich mit ihrem Wirtschaften in den Naturhaushalt einfügt und die sich in ihrer Ethik als Teil der Natur empfindet.“ (S. 319) Die deutsche Gesellschaft hat sich mit ihrem Wirtschaften in den Naturhaushalt eingefügt und empfindet sich in ihrer Ethik als Teil der Natur – so müsste man die Lektüre beenden, nähme man Wort für Wort, was auf den Schutzumschlag des Buches gedruckt wurde. Dort heißt es nämlich: „Die Naturschutzpolitik in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte …“ Da es so, wie jeder weiß, nicht ist, ergibt sich Erklärungsbedarf. Was ist gemeint, wenn von Erfolg gesprochen wird?

Zunächst einmal sind die Autoren sehr besorgt. Etwa die Hälfte der Tier- und Pflanzenarten in Deutschland gilt als gefährdet. Hauptursache ist die Veränderung der Lebensräume – durch intensive Landnutzung, durch extensiven Flächenverbrauch und das unmäßige Zerschneiden von Lebensräumen mit Siedlungen und Verkehrswegen. Was kann Naturschutz bewirken, so fragen die Herausgeber, da nicht Achtung und Ehrfurcht gegenüber der Natur, nicht Wissen und Erkenntnis das Verhältnis des Menschen zur Natur bestimmen, sondern ökonomische Nutzungsinteressen und Gewinnmaximierung darüber entscheiden? (S. 314) Mehr noch: Mit der Entkoppelung der Finanz von der Realwirtschaft, mit Börsenspekulation auf landwirtschaftliche Produkte und Landbesitz, Preissteigerungen auf Nahrungsmittel und Globalisierung der Agrarindustrie sei die Naturzerstörung in den vergangenen Jahrzehnten extrem verschärft worden (S. 313). Und wir lebten längst im geologischen Zeitalter des „Anthropozän“, in dem der Mensch den Zustand der Biosphäre maßgeblich bestimmt.
Dieser Kontext also kann es nicht sein, auf dem sich der Optimismus der Autoren gründen könnte. Ihr Fokus ist ein anderer: Es ist der Versuch einer zusammenfassenden Bewertung der Entwicklung von Nationalparken, Biosphärenreservaten und Naturparken in Deutschland in den letzten zwei Jahrzehnten. Welche Impulse haben diese Schutzkategorien dem Naturschutz gegeben, was haben sie für die Natur gebracht, welche Rolle spielen sie in der Entwicklung der jeweiligen Region? Was ist ihre Situation heute und wie werden sie sich vermutlich weiterentwickeln?

Wer sich auf diese Sicht und diese Fragen einlässt, wird mit dem Buch reich belohnt. In 34 Beiträgen betrachten 28 Autoren die Geschichte des Naturschutzes in Deutschland, ziehen eine Bilanz des ostdeutschen Nationalparkprogramms, verfolgen die weiteren Entwicklungen im vereinten Deutschland und ziehen Schlussfolgerungen für die Zukunft. So erfährt man von der zweihundertjährigen Vorgeschichte, von Vordenkern und Wegbereitern des heutigen Naturschutzes und vom Nationalparkprogramm der DDR, der spannenden Geschichte einer Zeit, in der man in der BRD von einem solchen Programm noch nichts wissen wollte.
Die fünf ostdeutschen Nationalparke, sechs Biosphärenreservate und drei Naturparke werden in eigenständigen Beiträgen ausführlich dargestellt – jeweils mit wunderbaren Farbbildern unterlegt, die das Buch auch zu einem Sehvergnügen machen. Den entsprechenden zentralen Begrifflichkeiten gelten drei weitere Beiträge, denen dann ein Beitrag über die „Nationalen Naturlandschaften“ als neue Dachmarke (welch schrecklicher Begriff) folgt. Wir leben in einer Mediengesellschaft – gewiss. So sei es nur folgerichtig, das Anliegen des Naturschutzes über eine markante Marke zu verbreiten und sie in die beeindruckenden Bilder aus geschützten Landschaften Deutschlands einzubetten. Ob man dem Anliegen damit wirklich dient?
In Europa tat man sich schwer mit dem amerikanischen Konzept des Nationalparks. Es wurde zunächst nur in Schweden (1909) und in der Schweiz (1914) eingeführt. In dichtbesiedelten Ländern mit flächendeckend genutzter Kulturlandschaft wurde dieses Konzept großer, nutzungsfreier Schutzgebiete für nicht geeignet gehalten. In Deutschland dauerte es bis 1970, als im Bayerischen Wald der erste Nationalpark eingerichtet wurde (mit dramatisch-konträrer Argumentation). Alle mit dem deutschen Nationalparkprogramm von 1990 geschaffenen Schutzgebiete, einschließlich des Wattenmeers, sind inzwischen fest etabliert.
Die 14 Nationalparke seien, so die Autoren, ein Erfolgsmodell, eine geglückte Symbiose einer vom Nutzungsdruck befreiten Natur und einer zuvor nicht gekannten Besucherbetreuung mit vielfältigen Angeboten. Sie hätten einen hohen Grad an Bekanntheit und Beliebtheit und würden jedes Jahr von mehreren Millionen Menschen besucht. Sie hätten wesentlich zur Entwicklung eines Bewusstseins beigetragen, dass über die Landesgrenzen des föderalen Systems hinaus auch nationale Verantwortung für den Schutz des Naturerbes wichtig sei. Im Jahr 1970 hatte die UNESCO das Programm „Mensch und Biosphäre“ ins Leben gerufen. Die ersten beiden Biosphärenreservate in Deutschland entstanden in der DDR 1979. Erst in der Neufassung des Bundesnaturschutzgesetzes von 1998 fand die Schutzkategorie in ganz Deutschland gebührende Berücksichtigung. Im Mittelpunkt steht heute ihre Rolle als Modellregion einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung. Die Einrichtung von inzwischen 16 Biosphärereservaten gilt den Autoren als gelungenes Beispiel deutscher Naturschutzgeschichte, angestoßen durch das Zusammenwachsen von Ost und West.
Das Bundesnaturschutzgesetz von 1976 führte erstmals den Naturpark als Planungskategorie auf. Sollten es anfangs nur schöne Kulturlandschaften mit besonderer Eignung für die Erholung der Bevölkerung sein, so geht es heute umfassender um Erhaltung, Entwicklung und Wiederherstellung einer durch vielfältige Nutzung geprägten Kulturlandschaft mit reicher Naturausstattung. Die Zahl der Naturparke stieg von 64 vor der Wiedervereinigung auf inzwischen 104 an. „Naturschutz ist Ländersache“, so steht es in Artikel 75 des Grundgesetzes. Mit dem Förderprogramm zur „Errichtung und Sicherung schutzwürdiger Teile von Natur und Landschaft von gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung“ trat 1979 ein Instrument in Kraft, das die Möglichkeit eröffnete, Naturschutzvorhaben in den Ländern durch den Bund zu unterstützen. Die Schlüssel dazu sind die Begriffe „schutzwürdig“ und „gesamtstaatlich repräsentative Bedeutung“. Die Autoren sind des Lobes voll: Das Förderprogramm sei das bedeutendste Instrument des praktischen Naturschutzes in Deutschland, das unzählige Projekte angeschoben habe (S. 249). Ein Urteil, das nach der Lektüre dieses wunderschönen Buches, mit dem die Herausgeber (und einige Autoren) ein Symbol ihres Lebenswerkes geschaffen haben, eine übergreifende Forderung nahelegt: Wir erklären auch den übergroßen Rest Deutschlands als schutzwürdig und von gesamtstaatlich repräsentativer Bedeutung – und bringen so dieses Instrument des Naturschutzes zur praktischen Vollendung.

Michael Succow, Lebrecht Jeschke und Hans Dieter Knapp (Hg.)
Naturschutz in Deutschland
. Rückblicke – Einblicke – Ausblicke
Berlin: Christoph Links Verlag 2012, 333 Seiten, 240 farbige Abbildungen.
ISBN: 978-3-86153-686-4

Vom Herausgebergremium gekürt aus den Umweltbüchern des Monats.

 
  Letzte Aktualisierung 15.09.2013, Webmaster mailen