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Archiv: Aktuelles 2009

2009 - Der „ökologische Fußabdruck“ – globale Biokapazität und das Beispiel Schweiz

Mathis Wackernagel, Martin Kärcher & Tatjana Puschkarsky

Eine globale Perspektive

Das Millennium Ecosystem Assessment von 2005 und die IPPC-Berichte von 2007 zeigen, dass die Nachfrage der Menschheit nach natürlichen Ressourcen die Produktivkraft der Erde überschreitet. „Global Footprint Network“ offeriert eine systematische Buchhaltung der ökologischen Ressourcen und Dienstleistungen, um die menschliche Nutzung der Natur zu quantifizieren. Der „Ecological Footprint“, der „Ökologische Fußabdruck“ ist das Messwerkzeug dazu. (Anmerkung 1) Es vergleicht den Verbrauch natürlicher Ressourcen und den Ausstoβ von Abfallprodukten mit der biologischen Produktivität der Ökosysteme auf dem Land und im Meer. Die Denkweise ist analog zum Landwirt: Wie viel produktive Fläche steht zur Verfügung und wie produktiv ist sie pro Hektar? Das ist die zur Verfügung stehende „Biokapazität“. Wie viele Dienstleistungen konsumieren wir – und was ist der sich gegenseitig ausschlieβende Flächenbedarf, um diese Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen?

Footprint und Biokapazität werden in globalen Hektar bzw. Hektar pro Kopf gemessen. Ein globaler Hektar repräsentiert einen Hektar mit weltdurchschnittlicher Produktivität. Abbildung 1 zeigt die Ergebnisse der globalen Footprint-Rechnung nach Abschätzungen, die auf Daten der UN beruhen. Danach hat die Menschheit im Jahre 1961 etwa 50 % der Erde beansprucht – im Jahre 2005 nutzte sie aber schon 30 % mehr, als die Erde regenerieren kann. Anders ausgedrückt: Der Planet Erde braucht mittlerweile etwa ein Jahr und vier Monate, um das an Biokapaizität zu regenerieren, was die Menschheit in einem Jahr verbraucht.

Übernimmt man die moderatesten UN-Projektionen zu Bevölkerungswachstum, Energiebedarf, Nahrungs- und Holzkonsum etc. für die nächsten 40 Jahre und übersetzt diese in entsprechende Footprint- und Biokapazitäts-Trends, so würde sich der ökologische Fußabdruck bis ins Jahr 2050 auf das Zweifache der globalen Biokapazität erhöhen.

Abbildung 1: : Anteile des globalen ökologischen Fußabdrucks 1961–2005
Abbildung 1 Beitrag Wackernagel, Kärcher, Puschkarsky
Quelle: Global Footprint Network, 2009

Wo steht die Schweiz?

Im Jahre 2006 hatten verschiedene Bundesämter der Schweiz – das Bundesamt für Raumentwicklung (ARE), das Bundesamt für Statistik (BFS), die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) und das Bundesamt für Umwelt (BAFU) – die Schweizer Fußabdruck-Zahlen überprüft. Dabei wurde festgestellt, dass „der Fußabdruck in der Schweiz fast dreimal so groß [ist] wie die [Schweizer] Biokapazität.“ (Anmerkung 2) Die Statistiken von 2008 zur Schweizer Nachhaltigkeit haben diese Trends bestätigt (siehe hierzu Abbildung 2).

Abbildung 2: Ökologischer Fußabdruck und Biokapazität der Schweiz, in Hektar pro Person
Abbildung 2 Beitrag Wackernagel, Kärcher, Puschkarsky
Quelle: Schweizer Bundesamt für Statistik (BfS), Taschenstatistik der Schweiz 2008

Diese Messungen des Global Footprint Network zum ökologischen Fußabdruck unterscheiden fünf verschiedene Flächennutzungen: Ackerflächen, Weideflächen, Wald, Fischgründe und Siedlungsflächen. Die CO2-Emissionen (carbon footprint) machen in industrialisierten Ländern wie der Schweiz einen besonders großen Teil des Footprints aus. Doch hat die Schweiz nur wenig Biokapazität, um das entsprechende CO2 zu absorbieren. Auch in anderen Ressourcensparten ist die Schweiz im ökologischen Defizit. Nur in der Holznutzung übertrifft die in der Schweiz vorhandene Kapazität den Schweizer Bedarf. Dieses Defizit wird durch Importe, Liquidation der eigenen Ressourcen oder durch Nutzung ausländischer oder zukünftiger Abfallabsorptionskapazitäten ausgeglichen. Trendwenden sind nicht in Sicht. Zwar gibt es eine politische Diskussion, den Energieverbrauch – und damit den CO2-Ausstoss – zu senken, doch entsprechende Maßnahmen wurden bisher praktisch kaum umgesetzt.

Fragestellungen

Die von vielen erwartete weitere Zunahme des globalen Ressourcenverbrauchs – unter der Annahme bestimmter Wachstumstrends und bei nur schwacher Entkopplung von Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch – wird die Auseinandersetzung um den Zugang zu Ressourcen in den nächsten Jahren aller Voraussicht nach verschärfen. Daher stellen sich eine Reihe von Fragen an die Schweiz – aber natürlich auch an andere Länder:

  • Wie wird sich die weltweite Verknappung der Ressourcen generell auf die Schweiz auswirken?
  • Wie wird sich die Verknappung speziell auswirken in Bezug auf
    – Infrastrukturentscheidungen,
    – Wirtschaftlichsvorteile und -nachteile,
    – soziale Sicherheit,
    – die internationale Zusammenarbeit,
    – auf globale und regionale Konflikte?
  • Wie soll sich die Schweiz (insbesondere Politik, Wirtschaft, Konsumenten, Forschung) in dieser neuen Welt positionieren?

Teilnehmer des Runden Tisches

  • Prof. em. Dr. René L. Frey, Uni Basel, Ökonom, Center for Research in Economics, Management and the Arts (CREMA)
  • Dr. Remo Gysin, Leiter des Centre for Millennium Development Goals (CMDG), Basel, Alt-Regierungsrat Baselstadt und Alt-Nationalrat
  • Prof. Lorenz Hilty, EMPA, Leiter der Abteilung Technologie und Gesellschaft
  • Roland Stulz, Geschäftsführer von Novatlantis, Architektur, Raumplanung, Nachhaltigkeits- und Umweltberatung
  • Prof. Dr. Daniel Wachter, Leiter der Sektion Nachhaltige Entwicklung, Bundesamt für Raumentwicklung
  • Dr. Martin Birtel, EMPA, World Resources Forum
  • Dr. Mathis Wackernagel, Global Footprint Network
  • Martin Kärcher, Global Footprint Network
  • Editorin: Tatjana Puschkarsky, Global Footprint Network

René L Frey: Eröffnungsstatement in zehn Thesen

  • Der ökologische Fußabdruck ist ein eingängiger und nützlicher Indikator für den Grad der Nutzung natürlicher Ressourcen. Die konkreten Werte sind in der Gröβen¬ordnung und bezüglich Entwicklung überzeugend – auch für die Schweiz.
  • Der ökologische Fußabdruck genügt nicht zur Verbesserung der Situation.
  • Es braucht Kenntnisse über die Triebkräfte, die zur Übernutzung der natürlichen Ressourcen führen.
  • Es geht um Knappheiten: – Knappheit von natürlichen Ressourcen, begrenzte Aufnahmekapazität der natürlichen Umwelt für Reststoffe. Damit handelt es sich um die Kernfrage, mit der sich die Ökonomie seit 200 Jahren beschäftigt: die optimale Nutzung knapper Ressourcen.
  • Zur Übernutzung kommt es, wenn die Preise von Ressourcen nicht deren Knappheit widerspiegeln. Dies gilt auch für natürliche Ressourcen.
  • Hauptgründe für nicht knappheitsgerechte Preise von natürlichen Ressourcen liegen in Marktversagen. Dazu gehören insbesondere: – der Kollektivgutcharakter gewisser (nicht aller) natürlicher Ressourcen, – fehlende oder unvollständige Eigentumsrechte an natürlichen Ressourcen sowie – unvollständige Haftungsregeln, – politische Eingriffe (häufig aus sozialen Gründen), – monopolistische oder kartellistische Marktstrukturen, – Übergewichtung der Gegenwartsbedürfnisse wegen fehlender Mitbestimmungs¬rechte künftiger Generationen, – unvollkommene Information.
  • Die Schaffung eines langfristig stabilen Gleichgewichts von Verfügbarkeit und Nut¬zung natürlicher Ressourcen muss in der Beseitigung von Marktversagen bestehen. Am wichtigsten ist die Internalisierung der externen Kosten.
  • Es müssen, soweit möglich, auch für natürliche Ressourcen Märkte oder marktanaloge Steuerungsmechanismen geschaffen werden. Richtige Anreize sind wichtig.
  • Direkte staatliche Eingriffe in die Märkte und in die individuellen Entscheidungen der Produzenten und Konsumenten werden nach aller Erfahrung die Probleme nicht lösen können. Es gibt nämlich nicht nur Markt-, sondern auch Staatsversagen.
  • Gerechtigkeitsanliegen sollten mit anderen Instrumenten angegangen werden als Anliegen der ökonomischen und der ökologischen Effizienz.

Zusammenfassung der Diskussion

Wackernagel: Das Global Footprint Network offeriert eine systematische Buchhaltung der ökologischen Ressourcen und Dienstleistungen, um die menschliche Nutzung der Natur zu quantifizieren. Der Ecological Footprint (Ökologischer Fußabdruck) ist das Messwerkzeug dazu. Es vergleicht unseren Verbrauch natürlicher Ressourcen und unseren Ausstoβ von Emissionen und Abfallprodukten mit der biologischen Produktivität der Ökosysteme auf dem Land und im Meer. Die Messung des Fußabdrucks soll dazu anregen, verschiedene Fragen in den Blickpunkt zu rücken: „Was bedeuten die Footprint- und Biokapazitäts-Trends für die Wettbewerbsfähigkeit und das Eigeninteresse einzelner Länder?“ Bezogen auf die Schweiz: „Wie kann man im Kontext einer ressourcenknapperen Welt in der Schweiz gut leben?“ Das ist heute unsere Kernfrage. Müssen wir etwas unternehmen, um unser nationales Eigeninteresse zu schützen? Und wenn wir wissen, dass wir etwas machen müssen: Weshalb machen wir es nicht? Unsere Hypothese ist, dass wir unser Eigeninteresse verkennen – nicht nur als Individuen, sondern auch als Kollektiv, als Stadt, als Land. Wir merken nicht, dass ein ökologisches Defizit zum Risiko und damit auch zum Kostenfaktor wird in einer Welt, in der die Ressourcen immer knapper werden.

Wachter: Man kann den Overshoot für die Schweiz auf verschiedene Arten angehen, zum Beispiel über die Faktoren, die im Footprint enthalten sind, also Food Crops, Animal Products, Fish, Built up Areas, Forest und Fossil Energy über das CO2. Die Frage ist, was in diesen verschiedenen Bereichen die entscheidenden Transmissionsmechanismen für die Schweiz sind. Vermutlich ist die direkte wirtschaftspolitische Konsequenz nicht so wahnsinnig groß. Für ein Land wie die Schweiz ist vermutlich die Verteuerung der Rohstoffe ein wichtiger Faktor, was bedeuten würde, dass es im Eigeninteresse ist, etwas zu unternehmen.

Gysin: Hierbei könnte der Footprint helfen, diese Fragen zu konkretisieren. Wie können externe Kosten besser und schnell internalisiert werden? Meine Erfahrung ist, dass Freiwilligkeit in der Wirtschaft nicht zu hinreichenden Lösungen führt.

Wackernagel: Gibt der Footprint eine Antwort auf Externalitäten? Zeigt er nicht Risiken auf, für die normale Markttransaktionen blind sind? Und um noch einmal auf die Ausgangsfrage zurückzukommen: Wenn Sie König der Schweiz wären, wie groß sollte das Ressourcendefizit der Schweiz im Jahre 2050 sein?

Alle: Null!

Wachter: Lassen Sie mich den Advocatus Diaboli spielen. Aus direktem Eigeninteresse ist es eigentlich gleich, wie groß der Footprint ist. Aber zur Verhinderung von Klimakollaps, Migrationsströmen, Kriegen und wirtschaftspolitischen Krisen müsste die Schweiz ein Eigeninteresse daran haben, dass das Ziel, die „Neutralisierung des Overshoot“, einigermaßen eingehalten wird. Das Eigeninteresse ist also ein vermitteltes, indirektes Interesse. Die ökonomischen Rückwirkungen auf die Schweiz gehen wahrscheinlich nicht über die ökosystemaren Probleme, sondern diffundieren weltweit und haben dann irgendwelche Rückwirkungen auf die Schweiz – entweder über die Rohstoffpreise oder über sonstige weltwirtschaftliche Konsequenzen.

Stulz: Ich sehe auch, dass das Wissen und die Erfahrung über Nachhaltigkeit in Infrastruktur und anderen Bereichen ein Exportfaktor ist. Jedoch sind bei uns leider schon viele interessante Entwicklungen „abgewandert“. Bei den erneuerbaren Energien sind wir nirgends mehr im Spiel, obwohl an den Hochschulen immer wieder neue Technologien entwickelt werden. Aber dann gibt es keinen Markt in der Schweiz – und das Wissen geht irgendwo hin. Ökonomisch hat ökologisches Handeln sicher dann einen Wert, wenn die Rahmenbedingungen stimmen.

Gysin: Schauen wir die Sache mal von einer anderen Seite an: Wer sind die Bremser? Wer stoppt die ganze Zeit? Im politischen Prozess sieht man die betreffenden Akteure ganz deutlich – und die müsste man positiv angehen.

Stulz: Aber das ist doch genau das Problem! Energieeffizienzsteigerung besteht aus 1000 kleinen Massnahmen, mit denen man keine Machtpolitik betreiben kann. Niemand wird damit reich, außer dass viele kleine und mittlere Unternehmen damit etwas Geld verdienen können. Aber man kann keine politische oder ökonomische Machtposition damit aufbauen. Und weil das so ist, geschieht so wenig.

Wackernagel: Wenn man schaut, wie schnell wir in den ökologischen Overshoot hineinrennen, wird es offensichtlich, dass es bald einmal zu Kollapsen kommen wird. Wenn man die 10- bis 20-jährigen Zeitspannen bis zu solchen Kollapsen vergleicht mit denjenigen von Investitionen in Autobahnen, die 50 Jahre halten, oder in Dämme oder Energiesysteme, dann sind diese letzteren Zeiträume plötzlich viel länger als diejenigen der bevorstehenden ökologischen Knappheiten. In der Realität ist es also plötzlich umgekehrt: Nachhaltigkeitsinvestitionen sind fürs „Jetzt“ und Investitionen in Dämme sind für die ferne Zukunft. Doch wir tun weiter so, als ob Nachhaltigkeit für die weite Zukunft sei und Infrastruktur für das Jetzt.

Frey: Wir sind eine derart reiche Gesellschaft, dass wir diese Art von Bedrohungen immer hinausschieben können. Aber diejenigen, die am Existenzminimum leben, können das nicht.

Wackernagel: Werden wir es uns immer leisten können, dieses Risiko hinauszuschieben?

Frey: Nein, aber länger als andere. Das heißt natürlich nicht, dass wir uns so verhalten sollten.

Wackernagel: Wenn man sich anschaut, was bei den langfristigen Investitionen passiert – beispielsweise investiert die Schweiz in den nächsten zehn Jahren rund 5 Mrd. Franken in Autobahnen und 10 bis 20 Mrd. in Eisenbahnen – dann sieht es so aus, als ob alles (auch die Eisenbahninvestition) zu einer absoluten Steigerung des Ressourcenverbrauchs führt. Wir investieren also immer noch in die weitere Expansion! Diejenigen, die für einen Ausbau der Eisenbahn plädieren, werden wohl nicht als Bremser angesehen. Der Schweizer denkt, dass die Priorität für die Eisenbahn im Vergleich zum Ausland federführend sei. Aber in Wirklichkeit entspricht diese Politik nicht dem Ziel, den Ressourcenverbrauch zu senken. Wenn’s gut läuft, wächst der Ressourcenverbrauch nur etwas langsamer. Verkennen wir also unser Eigeninteresse?

Stulz: In diesem Zusammenhang müssen wir schon sehen, dass wir jede – wirklich jede – Energiequelle, die uns zur Verfügung steht, brauchen werden in den nächsten Jahrzehnten. Ansonsten kommen wir in ein Schlamassel hinein. Wenn wir sehen, wie der Bedarf anwächst, haben wir nur die Wahl zwischen Kohle und allen anderen Quellen.

Hilty: Aber wie viel Bedarf wir haben, das bestimmen doch wir! Es gibt doch kein Naturgesetz, dass der Verbrauch immer weiter steigen muss.

Stulz: Aber schauen wir doch, was in den letzten 30 Jahren geschehen ist. Nichts ist passiert in Richtung Energieeffizienz.

Hilty: Weil der Markt nicht funktioniert!

Gysin: Aber Einsparmöglichkeiten gibt es. 58 % des Treibstoffverbrauchs – so wurde ermittelt – ist einsparbar. Also ist die Frage doch, wie man das macht! Sehr oft ist es einfach ein Umsetzungsthema.

Stulz: Genau. Wenn ich sehe, was im Bausektor mit absolut vertretbaren Mehrkosten alles möglich ist, zum Beispiel alle Gebäude nach Minergie-P-Standard zu bauen, dann wird einfach viel zu wenig getan. Die Kenntnisse sind vorhanden, aber das Tempo ist zu langsam, weil der Leidensdruck nicht oder zu spät einsetzt. Im Süden ist der Leidensdruck da, aber keine Handlungsmöglichkeit vorhanden. Bei uns im Norden aber ist er noch nicht in Sicht. Also stellt sich die Frage, wie man den Prozess beschleunigen kann angesichts der im Norden vorhandenen Kenntnisse. Es braucht Anreize, Gesetzgebung, Motivierung und so weiter. Wenn es mal ernsthaft losgeht, braucht es vor allem intensive Aus- und Weiterbildung.

Kärcher: Ist der Footprint Ihrer Meinung nach ein gutes Kommunikationsinstrument?

Stulz: Der Footprint ist gut geeignet, um auf den Ebenen Preispolitik, Anreize, Gesetzgebung und Ausbildung zu wirken. Es braucht aber vermehrte Anstrengungen, das Instrument in diesen Bereichen auch einzuspeisen. Insbesondere braucht es zielgruppenspezifische Darstellungen.

Gysin: Inhaltlich stellt sich mir die Frage, ob man es bei „Global Footprint Network“ beim Ressourcenverbrauch belassen will oder ob nicht auch soziale Standards einbezogen werden sollten.

Hilty: Meine Meinung ist, dass wir nicht zu viel in einen Indikator hineinpacken sollten. Ich würde also nicht vorschlagen, dass wir auch noch soziale Aspekte hineintun, sondern dass wir diese Aspekte eher voneinander trennen. Wenn wir mit Hilfe von Indikatoren Ziele konkretisieren, brauchen wir wahrscheinlich ein mehrdimensionales System, auch um die Tradeoffs zwischen den verschiedenen Systemen zu verstehen.

Wackernagel: Um soziale Aspekte im Gedanken der Nachhaltigkeit mit dem Footprint zu verknüpfen, haben wir eine Grafik entworfen, auf der die Position aller Länder markiert ist (siehe Abbildung 3). Auf der x-Achse zeichnet sich ihr Human Development Index (HDI) ab, auf der y-Achse ihr Footprint. Im Zielquadranten der nachhaltigen Entwicklung liegen Länder, deren HDI höher als 0.8 ist („hoher Entwicklungsstand“ nach UNDP) und die einen Footprint unterhalb der Marke von 2,1 globalen Hektar pro Kopf haben. Mit dieser Darstellung verknüpfen wir den Footprint mit einem sozialen Indikator und zeigen Wege auf, sich in diese Richtung zu bewegen. Derzeit erfüllen nur ganz wenige Länder beide Ziele.

Gysin: Vor dem Hintergrund der sich weiter öffnenden sozialen Schere und dem vielen Menschen verbauten Zugang zu Gütern und Dienstleistungen entstehen neue Probleme. Die aktuelle Situation ist gekennzeichnet durch zunehmende Verknappung (wie sie das „Global Footprint Network“ beschreibt), aber zusätzlich auch durch größte und weiter zunehmende weltweite Armut in verschiedensten Schattierungen. Das heißt, ein steigender Bedarf ist gegeben in dem Moment, in dem wir von Verknappung reden, und die Verteilungsfrage wird hiermit noch zentraler. Für mich ist der Footprint ein Konzept, das für sich selbst super ist, aber es reagiert nur ungenügend auf die Verteilungsfrage.

Abbildung 3: Nachhaltige Entwicklung: Footprint und HDI

Abbildung 3 Beitrag Wackernagel, Kärcher, Puschkarsky

Der Quadrant repräsentiert globale nachhaltige Entwicklung. Die Grenzen dieses Feldes werden einerseits durch den Human Development Index (HDI) abgesteckt, der die soziale und ökonomische Entwicklung eines Landes misst; ein HDI von 0.8 gilt als Schwellenwert für hohe menschliche Entwicklung. Nach oben hin wird der Quadrant andererseits durch einen Ressourcenverbrauch von 2,1 globale Hektar pro Kopf begrenzt. Obwohl Nachhaltigkeit bei den politischen Entscheidungsträgern hoch im Kurs steht, werden die meisten Länder beiden Minimalanforderungen nicht gerecht.
Quelle: Global Footprint Network, 2009

Frey: Meiner Meinung nach ist das kein Nachteil des Footprint-Konzepts. Gerechtigkeitsanliegen sollten mit anderen Instrumenten angegangen werden als Anliegen der ökonomischen und der ökologischen Effizienz.

Kärchner: In diesem Zusammenhang würde ich gern eine neue Initiative vorstellen, die wir ins Leben gerufen haben: ökologische Schuldner und ökologische Gläubiger (siehe Abbildung 4). Gläubiger sind Länder, deren ökologische Kapazität den eigenen Verbrauch übersteigt. Hingegen verbrauchen ökologische Schuldner mehr als ihre Ökosysteme produzieren. Wie die Schweiz importieren sie Ressourcen oder belasten die globalen CO2-Senken unverhältnissmäßig hoch. In Zukunft werden nicht mehr diejenigen Länder die besten Karten in der Hand haben, die über die höchsten Exportüberschüsse oder das höchste Bruttosozialprodukt verfügen. Die Unterscheidung zwischen Entwicklungsländern und Industrienationen verliert dann an Bedeutung.

Abbildung 4: Öklogische Schuldner- und Gläubigerländer (2005)

Abbildung 4 Beitrag Wackernagel, Kärcher, Puschkarsky
Mit wachsendem globalen Overshoot wird sich die Weltkarte von Entwicklungs- und Industrienationen hin zu ökologischen Gläubigern (mit größerer Biokapazität als Footprint) und ökologischen Schuldnern (mit größerem Footprint als Biokapazität) verändern. Heute leben über 80 % der Weltbevölkerung in ökologischen Schuldnerländern.
Quelle: Global Footprint Network, 2008

Wackernagel: Hieran lässt sich unsere Eingangshypothese noch einmal verdeutlichen. Unser Eindruck ist, dass viele Entscheidungsträger und die allgemeine Öffentlichkeit das Eigeninteresse an Nachhaltigkeitsinvestitionen sträflich unterschätzen. Viele denken immer noch, Nachhaltigkeitsinvestitionen seien ein nettes Geschenk an die Menschheit, und nicht eine notwendige und effektive Investition in die eigene Stabilität und den eigenen Wettbewerbsvorteil in einer ressourcenknapperen Welt, eine Investition, die vor unerwünschten Abhängigkeiten schützt. Das klarer zu machen, so denken wir, ist der spezielle Mehrwert des Footprint-Konzepts.

Rückblick aus Sicht des „Global Footprint Network“ – fünf Ideen zum Weiterdenken

  • Uns wurde nicht klar, ob sich die Teilnehmer wirklich einig waren, dass Kollaps oder Kontraktion auch mögliche Zukunftsszenarien für die Schweiz sind. Leben wir auf einer Insel der Seeligen? Oder werden wir dazu fähig sein, das Risiko länger als alle anderen hinauszuschieben? Genügt das? Wollen wir das?
  • Erkennen wir die Größenordnung des Risikos für die Schweiz und für die globale Wirtschaft?
  • Umgekehrt: Ist es wirklich eine gute Investition, Pionier zu sein, oder sollten wir eher abwarten, da das Risiko für uns in der Schweiz doch kleiner ist als für ärmere Länder, wo die Krise imminenter ist, wie zum Beispiel in Pakistan? Ganz offensichtlich waren sich die Teilnehmer einig, dass wir nicht warten sollten. Warum aber die Diskrepanz zur Öffentlichkeit, zur Politik? Gibt es ein Kommunikationsproblem?
  • Es gibt keine holistische, integrierte Nachhaltigkeitspolitik, es gibt nur separierte Sektorpolitik. Was kann der Footprint – als Nachhaltigkeitsindikator – zur Verbesserung der Sektorpolitik beitragen?
  • EEs ist schwierig, sich auf die Schweiz zu beschränken, da die Fragestellung globaler Art ist. Aber Nationen sind wichtige Einheiten der Entscheidungsfindung und Regulierung und die Frage bleibt bestehen, da wir globalen Risiken ausgesetzt sind: Was sollten wir in der Schweiz tun, als Einzelpersonen und kollektiv?

Anmerkungen
1) Mehr dazu im Atlas des Global Footprint Network.
2) Office Fédéral de la Statistique (OFS) (2006): Der Ökologische Fußabdruck der Schweiz. Siehe auch: OFS (2009): Monitoring Sustainable Development. Switzerland in a Globalised World (Document.114912.pdf)