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Die kommenden gesellschaftlichen Großkonflikte werden ganz erheblich von ökologischen Faktoren beeinflusst. Dennoch wird die ökologische Frage nicht im Zentrum stehen, da kurz- und mittelfristig soziale Spannungen in den Vordergrund drängen. Wie kann sie dennoch die nötige Berücksichtigung erfahren? Durch eine Weiterentwicklung ökologischen Denkens zu einem radikalen und globalen Ökohumanismus.

Die Idee vom Buen Vivir, vom Guten Leben, entstammt dem andin-amazonischen Kulturraum und steht nicht nur für indigenen Widerstand gegen die westlichen Werte und Paradigmen, die im Namen der ‚Entwicklung’ Einzug hielten, sondern entspricht einem alternativen Modell für das Leben in der Natur, in dem wir Menschen ein Teil sind. Das Prinzip, welches das Gute Leben inspiriert, ist Harmonie, also Ausgewogenheit. Gleichgewicht und Harmonie im Leben des Menschen mit sich selbst, im Einzelnen in der Gemeinschaft, zwischen Gemeinschaften, mit Völkern und Nationen. Die Philosophie des Guten Lebens ist keinesfalls ein exklusiver Ansatz der Verteidigung einiger weniger Privilegierter hinter den Mauern ihrer ‚Heimat’, sondern es geht um Gute Koexistenzen aller.

Die Corona-Krise konfrontiert uns auch mit längerfristigen Zukunftsfragen. Während theoretisch verschiedene Szenarien denkbar sind, sehen wir uns derzeit mit zwei grundsätzlichen globalen Trends konfrontiert: Die ökologische Katastrophe und der Rückfall in nationalstaatlich-autoritäre Politik beeinflussen sich gegenseitig und entwickeln gemeinsame Dynamiken. Wie wirkt sich dies auf die Zukunft der weltweiten wirtschaftlichen Strukturen aus und welche positiven Gegenentwürfe lassen sich zeichnen?

Die Sozial- und Naturwissenschaften des 19. Jahrhunderts befruchteten sich gegenseitig und gebaren mit der Evolutionstheorie nicht nur eine kopernikanische Revolution, sondern auch ein folgenschweres Missverständnis. Die Idee des Kampfes ums Dasein wurde zu einem biologistischen Fundament völkisch-rassistischer Ideologie. Die Erkenntnisse der modernen Ökologie sind weder mit dem simplen Prinzip des Überlebens der Stärkeren noch mit einem Gleichgewicht in der Natur vereinbar. Vielmehr ist das Ausmaß von Kooperation und Integration im stetig anwachsenden Netzwerk des Lebens geeignet, ein völlig neues Bild von funktionierenden ökologischen und sozialen Systemen zu inspirieren.

Was verbindet die drei Begriffe »Heimat«, »Kultur“ und »Nachhaltigkeit«? Wie verknüpft die aktuelle gesellschaftliche Debatte diese Themen? Wie sehen die tatsächlichen Wechselwirkungen aus? Welchen Beitrag kann die Kultur zu einem der Nachhaltigkeit verpflichteten Heimatbegriff leisten?

Am Anfang der europäischen Neuzeit standen Utopien von materieller Fülle und öffentlichem Glück. Heute erleben wir die globale Krise eines selbstläufigen und zerstörerischen Wachstums. Das Anthropozän braucht keine neuen Utopien, sondern die Erdung und Ausweitung der alten – damit der Globus zur Heimat werden kann.

Klimaskepsis entsteht im Globalen Süden in einem gänzlich anderen normativen und ökonomischen Kontext als im Globalen Norden. Im Globalen Süden schürt die erfahrene Dominanz des Globalen Nordens in der internationalen Klimapolitik und in der Herstellung der Technologien für erneuerbare Energien Misstrauen und führt so in einigen Fällen zu nationalistischen Verschwörungstheorien und Klima-Skeptizismus.

Donald Trumps Feindseligkeit gegen Umweltvorschriften, erneuerbare Energien und Klimaschutz ist kaum nachvollziehbar. Versuche, seine Umweltpolitik zu kategorisieren, scheitern. Wie könnte jemand so stumpf, kleinlich, eigennützig, böswillig oder sogar kriminell sein, angesichts der offensichtlich dringenden Notwendigkeit, den Klimawandel anzugehen? Treiben ihn die Einflüsse der Neuen Rechten, die Lobbyisten der fossilen Industrien, Ignoranz oder alles zusammen? Trumps Präsidentschaft hatte mindestens einen positiven Effekt: scharfen und verstärkten Widerstand.

Die kritische Auseinandersetzung mit dem Begriff des Anthropozäns macht deutlich, warum der Heimatbegriff wichtige Anknüpfungspunkte für einen erfolgreichen Umwelt- und Klimaschutz aufzeigt. Der Begriff der Heimat kann uns nicht nur für soziale Ungleichheiten und Machtverhältnisse sensibilisieren. Er definiert auch einen Raum für das Wechselverhältnis von lokaler und globaler Verantwortung, der in der nationalistischen, rechtsextremen und rechtspopulistischen Heimatversessenheit nicht erkannt oder ignoriert wird.

Die bedrohlichen Zerstörungen des Erdsystems erfordern eine neue Verantwortungsethik, denn der ökologische Umbau ist ein Menschheitsprojekt. Der Umwelt- und Naturschutz braucht eine demokratische, soziale und solidarische Rahmensetzung in Wirtschaft und Gesellschaft.